Marschieren ist der Teil des Militärdiensts, den man nicht trainieren kann, indem man ihn sich anschaut. Die wichtigsten Regeln: Füsse vor dem Start tapen, alle 15 bis 30 Minuten trinken, alle ein bis zwei Stunden etwas essen, Pausen kurz halten, das Tempo so hoch wie für den Langsamsten möglich, und im Kopf in Zeit statt in Kilometern denken. Diese 37 Tipps stammen aus Märschen von 20 bis 100 Kilometern in der Armee, zuletzt dem 100-km-Marsch am Ende der Offiziersschule, rund 25 Stunden am Stück.
Welche Märsche dich erwarten
| Ausbildung | Marschdistanzen |
|---|---|
| Rekrutenschule | Märsche gehören ab den ersten Wochen dazu, meist mit Gepäck und in der Gruppe |
| Kaderausbildung (UOS, OS) | Aufbau über 20, 30, 40 und 50 km |
| Ende Offiziersschule | 100-km-Marsch, rund 25 Stunden, vorher eine Überlebenswoche ohne Erholung |
Die Distanz ist nur die halbe Wahrheit. Marschiert wird in Kampfstiefeln, nicht in Laufschuhen, mit Rucksack, oft nachts und immer im Verband. Das ändert, was zählt.
Vorbereitung: Füsse und Material
- Tape und Blasenpflaster vor dem Start. Nach dem zweiten Marsch kennst du deine Druckstellen. Klebe sie ab, bevor du losgehst, nicht wenn es schon brennt. Beim 100-km-Marsch war das Tape am Ende zerfetzt, die Haut darunter intakt.
- Babypuder und Vaseline. Puder gegen Feuchtigkeit in den Socken, Vaseline an den Stellen, die scheuern: Fersen, Zehen, Oberschenkel innen.
- Immer die gleichen, eingelaufenen Schuhe. Kein neues Paar am Marschtag, keine Experimente. Wie du Kampfstiefel richtig einläufst, steht im eigenen Guide.
- Rucksack sauber packen. Schwere Sachen nah am Rücken und oben, nichts, das schaukelt. Ein schlecht gepackter Rucksack kostet dich über 40 km mehr als ein zu schwerer.
- Was für andere funktioniert, muss für dich nicht funktionieren. Am Abend vor dem Marsch sind alle nervös und jeder hat einen Trick. Zieh dein eigenes Ding durch, das du getestet hast, und probiere nichts Neues auf dem längsten Marsch des Jahres.
Unterwegs: Tempo, Trinken, Essen
- So schnell wie sinnvoll. Je schneller ihr im Ziel seid, desto kürzer tut es weh. Langsam gehen verlängert die Schmerzen, es verringert sie nicht.
- Trinken alle 15 bis 30 Minuten. Ein Schluck, regelmässig, bevor du Durst hast. Manche Züge machen daraus ein Kommando: Alle 15 Minuten ruft einer «trinken», alle trinken.
- Essen alle ein bis zwei Stunden. Ein Riegel, ein Stück Brot, eine Banane. Nicht die grosse Mahlzeit, sondern konstant etwas nachlegen.
- Möglichst wenig stehen bleiben. Jeder Halt bedeutet: Der erste Kilometer danach tut mehr weh als der letzte davor. Kurze Pausen, dann weiter. Beim 100-km-Marsch war der Neustart nach der einstündigen Frühstückspause bei Kilometer 80 der schlimmste Moment der ganzen Nacht.
- Toilette vor der Pause, nicht danach. Sonst wartet der ganze Zug auf dich, und du startest als Letzter.
- Socke verrutscht? Sofort richten. Nicht bis zur nächsten Pause warten. Was nach fünf Minuten scheuert, ist nach 15 Kilometern eine Blase.
- Marschstöcke, wenn ihr sie habt. Sie nehmen den Beinen bei Gewicht auf dem Rücken spürbar Last ab, vor allem bergab.
- Nach 50 km wird es nicht viel schlimmer. Der Schmerz bleibt ungefähr gleich, du musst ihn nur länger aushalten. Das zu wissen, nimmt der zweiten Hälfte den Schrecken.
Im Kopf: wo der Marsch wirklich entschieden wird
- Zähle Schritte rückwärts. Mit jedem Schritt ist es einer weniger. Klingt banal, funktioniert bei Kilometer 70 erstaunlich gut.
- Der Prozentbalken. Stell dir den Marsch als Ladebalken vor. Bei der Hälfte setzt du ihn im Kopf auf null zurück und beginnst neu. Der Rest wirkt kürzer, als er ist.
- In Etappen denken. Nicht 50 km, sondern fünf mal 10 km, oder Verpflegungsposten für Verpflegungsposten. Ein Berg wird zu einer Treppe.
- In Zeit statt in Distanz denken. «Noch sieben Stunden gehen» fühlt sich anders an als «noch 40 Kilometer». Die meisten kommen mit der Zeit besser klar.
- Das Dankbarkeitsspiel. Frag den Kameraden neben dir, wofür er gerade dankbar ist, und rede eine halbe Stunde darüber. Über Schmerzen nachdenken macht sie grösser, über etwas anderes reden macht sie kleiner.
- Stell dir das Ziel vor. Warmes Essen, Dusche, Bett, die Kameraden, die Familie, die am Ziel wartet. Nicht abstrakt, sondern mit allen Details.
- Du warst noch nie so nah am Ziel wie in diesem Moment. Jedes Mal, wenn der Gedanke ans Aufgeben kommt, gilt das. Und im nächsten Schritt wieder.
- Alles geht vorbei. Der Satz eines Wachtmeister-Kollegen: Jeder Schmerz ist in zwei Tagen weg, spätestens in einer Woche. Es sind acht Stunden, nicht dein Leben.
- Du kannst viel mehr, als du denkst. Der Moment, in dem du glaubst, nicht mehr zu können, ist selten der Moment, in dem du wirklich nicht mehr kannst.
- Der 80-Jährige. Stell dir vor, du bist 80 und erinnerst dich an genau diesen Marsch, an diese Kameraden, an diese Nacht. Was würdest du dafür geben, noch einmal hier zu sein?
- Sei dankbar, trotz allem. Dankbar, dass du gesund bist, dass du das überhaupt kannst, dass du es mit diesen Leuten machst. Das klingt pathetisch, bis du es bei Kilometer 90 ausprobierst.
Als Gruppe: der Zug ist so schnell wie der Langsamste
- Alle ins Ziel ist das Hauptziel. So schnell wie möglich ist das zweite. Wer das umdreht, verliert unterwegs Leute.
- Wenn einer leidet, wird der Zug schneller, nicht langsamer. Klingt hart, ist aber richtig: Je schneller ihr im Ziel seid, desto weniger lang leidet er.
- Rucksack abnehmen. Wer gut drauf ist, trägt für einen, der nicht mehr kann, den Rucksack oder das Funkgerät. Nächstes Mal ist es umgekehrt.
- Handzeichen für Hindernisse. Links, rechts, Loch, Ast. Einer sieht es, alle wissen es, keiner stolpert.
- Wettbewerb zwischen Zügen. Ihr seid eine Kompanie, aber ein bisschen Rivalität bringt alle schneller ins Ziel.
- Singen, wenn alle mitmachen. Nicht befohlen, sondern wenn der Moment da ist. Zwei Kilometer Marschgesang sind zwei Kilometer, an die du nicht denkst.
- Lacht. Sechs bis acht Stunden mit deinen besten Kollegen. Die Witze, die auf einem Nachtmarsch entstehen, erzählt ihr euch noch am Wochenende.
- Hände halten, wenn es hart wird. Auf den letzten Kilometern des 100-km-Marschs haben sich Leute an den Händen gehalten. Nicht wegen des Gleichgewichts, sondern weil es hilft, weiterzugehen.
Schmerzmittel: ehrlich gesagt
- Viele nehmen welche, du musst nicht. Der 100-km-Marsch in der Armee ging ohne, ein späterer über 18 Stunden mit. Mit ist es leichter, das ist einfach so. Wenn du am Rand bist und die Sanität etwas abgibt, ist das keine Schwäche. Aber nimm nichts, was du nicht kennst, und nichts auf leeren Magen.
- Der Placebo-Effekt ist echt. Wer glaubt, dass etwas hilft, dem hilft es. Das gilt für die Tablette, die Socken und die Schokolade. Nutze es.
Für Kader
- Mach mit. Wer als Wachtmeister oder Leutnant selbst mitmarschiert, den nimmt der Zug ernst. Wer nur zuschaut, nicht.
- Zeig, dass es bisher jeder geschafft hat. Es stimmt, und es ist das stärkste Argument, das du hast.
- Schaff Erlebnisse, nicht nur Kilometer. Der Marsch, von dem die Rekruten in zehn Jahren erzählen, ist der mit dem Sonnenaufgang auf der Krete, nicht der mit dem besten Schnitt. Mehr dazu in den Kader-Tipps.
Der 100-km-Marsch: wie er abläuft
Am Ende der Offiziersschule steht der 100-km-Marsch. Davor liegt die Überlebenswoche, ohne Kontakt zur Familie, ohne mitgebrachtes Essen. Am Morgen des Marschs holt ein Helikopter die Klasse ab, fliegt sie zehn bis fünfzehn Minuten in die Romandie, und der Auftrag lautet: zu Fuss zurück. Start um zwölf Uhr mittags, der schlechteste Zeitpunkt, den es gibt. Verpflegungsposten etwa alle zehn Kilometer, ab Kilometer 60 wird es dunkel, bei 80 gibt es Frühstück, und die letzten 20 sind steil, heiss und ohne Wasser. Nach rund 25 Stunden wartet die Familie im Ziel. Wer es nicht schafft, darf sie nicht sehen.
Ein Jahr später noch einmal 100 km, diesmal ausserhalb der Armee und mit meiner Mutter, vier Wochen Vorbereitung mit 10, 20 und 33 km. Die Lehre aus beiden Märschen ist dieselbe: Der Kampf findet im Kopf statt, und die meisten Menschen trauen sich weniger zu, als sie können.
Was du davon mitnimmst
Wer so etwas einmal gemacht hat, weiss danach, woraus er besteht. Kein Motivationsvideo ersetzt die Erfahrung, 25 Stunden weitergegangen zu sein, obwohl alles wehtat. Die Märsche in der RS sind kürzer, aber sie funktionieren nach denselben Regeln. Wer die 37 Punkte oben beim ersten 20-km-Marsch anwendet, hat beim 50-km-Marsch keine Überraschungen mehr.
Alle anderen Tipps für die Rekrutenschule, von Zimmerordnung bis Schlaf: 45 RS-Tipps.
Häufige Fragen
Wie lang sind die Märsche in der RS?
Märsche gehören ab den ersten Wochen zur Rekrutenschule, mit Gepäck und im Verband. In der Kaderausbildung steigen die Distanzen über 20, 30, 40 und 50 km, und die Offiziersschule endet mit einem 100-km-Marsch von rund 25 Stunden.
Wie verhindere ich Blasen beim Marschieren?
Druckstellen vor dem Start abkleben, nicht erst wenn es brennt. Babypuder gegen Feuchtigkeit, Vaseline an Scheuerstellen, eingelaufene Stiefel, und eine verrutschte Socke sofort richten statt bis zur nächsten Pause zu warten.
Wie oft sollte man beim Marschieren trinken und essen?
Trinken alle 15 bis 30 Minuten einen Schluck, bevor Durst entsteht. Essen alle ein bis zwei Stunden etwas Kleines wie einen Riegel, Brot oder eine Banane, statt einer grossen Mahlzeit.
Soll man beim Marsch Pausen machen?
So kurz wie möglich. Jeder Halt macht den Neustart schmerzhafter, und lange Pausen sind auf langen Märschen der härteste Moment. Toilette und Verpflegung vor der Pause erledigen, dann sofort weiter.
Wie läuft der 100-km-Marsch in der Offiziersschule ab?
Nach einer Überlebenswoche fliegt ein Helikopter die Klasse rund 100 km weit, der Auftrag ist der Rückweg zu Fuss. Start am Mittag, Verpflegungsposten etwa alle 10 km, ab Kilometer 60 Nacht, Frühstück bei 80, Ankunft nach rund 25 Stunden. Alle kommen gemeinsam ins Ziel.
Leandro Ferrari
Ausgehoben als Grenadier, Einheitssanitäter in Airolo, Wachtmeister und Leutnant ganz abverdient, heute in der Kommunikationsausbildung. Armeekompass ist sein Projekt.
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