Du hast die UOS oder die OS hinter dir und stehst zum ersten Mal vor einem Zug, der auf dich schaut. Die kurze Version: Deine Aufgabe ist, Menschen so gut wie möglich auf den Ernstfall vorzubereiten, nicht sie sportlicher zu machen, nicht sie zu demütigen und nicht deinen Grad auszuleben. Respekt schlägt Angst, Belohnung schlägt Bestrafung, und ein Zug, der weiss, warum er etwas tut, tut es besser. Hier sind 61 Tipps aus mehreren Rekrutenschulen als Wachtmeister und Leutnant, sortiert nach Haltung, Führung, Motivation, Selbstführung und Praxis.
Haltung: wer du vor dem Zug bist
- Hab Verständnis für deine Rekruten. Du bist durch dieselbe RS gegangen, du kennst den Laden. Überleg dir, wie du behandelt werden wolltest, als es gerade losging.
- Kenne deine primäre Aufgabe. Du bereitest Menschen auf den Ernstfall vor. Nicht auf den Sporttest, nicht auf das Zimmer, nicht auf dein Ego.
- Respekt vor dem Kader ist gut. Angst vor dem Kader ist nicht gut. Deine Leute sollen Fragen stellen können, ohne sich zu fürchten. Merkst du Angst, mach sie rückgängig.
- Schreien ist etwas für Distanz. Über den Platz, ja. Einen Meter vor dem Gesicht eines Rekruten, nein. Wer so schreit, hat gerade den Respekt vor der Person verloren, nicht umgekehrt.
- Sei authentisch. Viele Kader schlüpfen am ersten Tag in eine Rolle, die sie 18 Wochen nicht durchhalten. Du bist dieselbe Person wie vorher, mit einem Grad mehr. Wachtmeister Ferrari ist Leandro Ferrari, der jetzt Wachtmeister ist.
- Du bist ein Vorbild, ob du willst oder nicht. Am Anfang sehen dich die Rekruten als Halbgott. Verhalte dich so, dass sie am Ende immer noch aufschauen.
- Sei sportlich. Nicht der beste Athlet im Zug, das ist normal, dass Rekruten fitter sind. Aber der Wachtmeister, der beim Lauf hinten abfällt, hat ein Problem.
- Zeig, dass du ein Mensch bist. Fehler zugeben, Schwächen benennen. Wer sagt «Infusionen kann ich, Zelte aufbauen nicht», dem glaubt man beides. Wer sagt, er könne alles, dem glaubt man nichts.
- Trag deinen Namen mit Stolz. Er steht auf deiner Brust. Verlange dasselbe von deinen Leuten: Meldung mit Namen, gerade stehen, klar sprechen.
- Was dein eigenes Kader gemacht hat, war nicht automatisch richtig. Und nicht automatisch falsch. Übernimm das Gute, lass den Rest, und urteile selbst.
Führung: wie du den Auftrag erfüllst
- Der Auftrag steht im Zentrum, der Mensch daneben. Beides. Wer nur den Auftrag sieht, führt Maschinen. Wer nur den Menschen sieht, erfüllt nichts.
- Erkläre das Warum. Wer weiss, wieso er etwas tut und wieso es im Ernstfall zählt, macht es besser und länger. Das kostet dich eine Minute und spart dir Stunden.
- Arbeite mit Unterchefs. Als Wachtmeister gibst du einem Rekruten die Verantwortung für einen Teilauftrag, erklärst ihn, lässt ihn machen und kontrollierst. Als Leutnant machst du dasselbe mit deinen Wachtmeistern.
- Nutze Schwarmintelligenz. Ein Wachtmeister ist dümmer als acht Soldaten. Steht ein Problem im Raum, frag die Gruppe, wie sie es lösen würde. Die Chance auf eine gute Lösung steigt mit jedem Kopf.
- Binde Entscheidungen ein. «Auftrag bis zum Punkt X, dann Mittag. Wie lange wollt ihr Mittag, und was ist danach die nächste Etappe?» Wer mitentscheidet, hat mehr Lust auf das Resultat.
- Zeig Konsequenzen auf, positive und negative. Vor dem Auftrag: «Wenn wir das in 60 Minuten schaffen, gibt es X. Wenn nicht, bedeutet das Y, weil …» Dann weiss jeder, worum es geht.
- Verhältnismässigkeit. Belohnungen, Bestrafungen, Ausbildungen: Alles muss im Rahmen und machbar sein. Was unerreichbar ist, motiviert niemanden.
- Nutze deinen Grad nicht für Kleinigkeiten. Wer sich vom Rekruten den Kaffee holen lässt oder eine Aufgabe abwälzt, die er selbst tun sollte, verbraucht Autorität für nichts.
- Achte auf Stärken. Milizsoldaten kommen aus allen Berufen und Bereichen. Wer den Elektriker die Funkgeräte und den Koch die Verpflegung machen lässt, hat ein besseres Resultat und zufriedenere Leute.
- Sag «Ich weiss es nicht», wenn du es nicht weisst. Und finde es heraus. Das ist glaubwürdiger als jede Ausrede, und der Zug merkt den Unterschied.
- Bereite dich vor. Wer eine Ausbildung gibt, kennt den Stoff, bevor er vor dem Zug steht. Alles andere merken die Rekruten nach zwei Minuten. Der Lektionsplaner im Armeekompass ist für genau diesen Abend davor gebaut.
- Ausbildung heisst: in möglichst kurzer Zeit möglichst viel lernen. Nicht: möglichst erschöpft, nass, dreckig und gedemütigt sein. Das Ziel ist, was hängen bleibt.
- Wenn etwas nicht passt, melde es. Kommt von der Kompanie ein Befehl, der für deinen Zug keinen Sinn ergibt, sag es nach oben. Dafür bist du Kader und nicht Bote.
- Ein Wachtmeister ist zum ersten Mal Wachtmeister. Du wirst Fehler machen. Intelligenz heisst nicht, keine zu machen, sondern dieselben nicht dreimal.
- Stein, Papier, Schere. Es gibt Entscheide, bei denen jeder Weg jemanden ärgert. Dann entscheide, akzeptier das Resultat, und verlange dasselbe vom Zug.
Motivation: was einen Zug bewegt
- Wenn der Zug nicht performt, ist es deine Schuld. Nicht die der Rekruten. Sind sie unmotiviert, wissen sie nicht, warum sie etwas tun, oder haben sie keine Freude, dann liegt das an der Führung.
- Sport ist keine Strafe. Sport ist gesund, Sport macht fit für den Ernstfall. Wer Liegestützen verteilt, weil das Zimmer zu langsam geputzt wurde, bringt den Rekruten bei, Sport zu hassen.
- Wenn du trotzdem Sport als Konsequenz gibst, mach mit. Jede Runde, jede Liegestütze. Alles andere ist billig.
- Belohnung statt Bestrafung. «Wenn ihr bis 16 Uhr fertig seid, gibt es …» funktioniert besser als «Wenn ihr nicht bis 16 Uhr fertig seid, streiche ich …». Positive Verstärkung, nicht Entzug.
- Lob statt Demütigung. Wer etwas gut gemacht hat, hört es. Wer die Hälfte gut gemacht hat, hört, welche Hälfte, und was am Rest besser geht. Konstruktiv, konkret, öffentlich.
- Komplimente sind gratis. Mein Grossvater, Major, sagt: drei Komplimente am Tag. Jeder hört sie gern, und es kostet dich nichts.
- Wettbewerb. Ihr seid eine Kompanie, aber ein bisschen Rivalität zwischen den Zügen macht alle schneller und alle stolzer.
- Spielerisch ausbilden. Funk, Verband, Waffenhandhabung: Fast alles lässt sich als Spiel mit Wettbewerb und kleiner Belohnung aufziehen. Wer Spass hat, lernt.
- Motiviere mit dem Ziel, der beste Zug zu sein. Der schnellste, der sauberste, der mit den besten Resultaten. Das ist ein Ziel, hinter dem sich 30 Leute versammeln.
- Wie du mir, so ich dir. Wer jede Gelegenheit sucht, den Zug zu schikanieren, dessen Zug sucht jede Gelegenheit, es zurückzugeben. Das geht 18 Wochen hin und her, und niemand gewinnt.
- Setz dich für deine Leute ein. Dann setzen sie sich für dich ein. Gibt es Probleme mit der Kompanie, stehst du vor deinem Zug, nicht hinter dem Befehl.
- Fördere Kameradschaft aktiv. Ein gemeinsames Fotoalbum, ein Ausgang als Zug, Spiele am Abend. Kameradschaft ist das Beste am Militär, und du bist dafür verantwortlich, dass sie entsteht.
- Schaff Erlebnisse. Nicht für dich, für die Rekruten. Der Sonnenaufgang auf der Krete, der Nachtmarsch, der Biwak am See. Das sind die Geschichten, die sie in zehn Jahren erzählen.
- Nutze den Placebo-Effekt. Sagst du dem Zug, die Ausrüstung sei die beste, die es gibt, und er halte damit jede Nacht warm, dann hält er wärmer. Sagst du, diesen Marsch habe bisher jeder geschafft, schafft ihn jeder.
- Verlange Stolz. Auf den Zug, auf den Namen, auf die Meldung. Ein Zug, der stolz auf sich ist, führt sich zur Hälfte selbst.
Selbstführung: wie du 18 Wochen durchhältst
- Wenn du keine Lust hast, hat der Zug keine Lust. Verschlafen, müde, genervt vor dem Antrittsverlesen, und der Tag ist gelaufen. Gesicht kalt waschen, ready sein, dann erst raus.
- Schlaf. Mit zweieinhalb Stunden Schlaf bildest du niemanden aus. Plan deine Abende so, dass du am Morgen funktionierst.
- Iss als Letzter, aber iss. Kader, die im Stress das Essen auslassen, sind am Nachmittag unbrauchbar.
- Handy weg, Uhr an. Als Wachtmeister beantwortest du sonst den ganzen Tag WhatsApp-Nachrichten. Die Uhr sagt dir die Zeit, das Handy bleibt im Zimmer.
- Auch du hast zivile Probleme. Familie, Beziehung, Job. Red darüber, mit einem Kameraden oder dem PPD. Du musst nicht alles in dich hineinfressen, nur weil du Kader bist.
- Du wirst mit Problemen konfrontiert, die nicht deine sind. Rekruten mit psychischen und physischen Beschwerden, Heimweh, Angst. Das ist normal, das gehört dazu, und es geht vorbei.
- Nicht neidisch auf Privilegien anderer. Der Wachtmeister im Nebenzug hat weniger Ausbildungen und mehr Ausgang? Egal. Mach dein Ding so gut wie möglich.
- Nutze deine eigenen Privilegien. Kaffeemaschine im Zimmer, Sandwichmaker, ein eigener Schlüssel. Du hast Verantwortung, du hast auch Rechte.
- Nicht alles mitmachen. Nicht jede Tradition und nicht jeder Schwachsinn, den andere Kader treiben. Überleg, ob es Sinn ergibt, bevor du es übernimmst.
- Storytelling. Stell dir vor, wie du deinen Kindern und Enkeln von dieser RS erzählst. Die mühsamen Momente als Wachtmeister sind später die besten Geschichten.
- Der 80-Jährige. Überleg als 80-Jähriger zurück: Wie hättest du diesen Tag mit diesen Kameraden führen wollen? Meist ist die Antwort ziemlich klar.
Das Kader als Team
- Tretet geschlossen auf. Probleme im Kader klärt ihr im Kader. Der Zug sieht eine Einheit, nicht drei Meinungen.
- Hilf dem, der überfordert ist. Deine Wachtmeister-Kollegen machen es auch zum ersten Mal. Wer merkt, dass einer untergeht, greift zu. Er ist dankbar, und nächste Woche bist du es.
- Keine Schwäche vor der Truppe. Weinen, aufgeben, zusammenbrechen, das gibt es, aber nicht vor dem Zug. Geh raus, red mit einem Kameraden, komm zurück. Der Zug muss glauben, dass du im Ernstfall führst.
- Rede mit den anderen Kadern über deine Ausbildungen. Was funktioniert hat, was nicht. Das ist die schnellste Art, besser zu werden.
Praktisch: die Dinge, die sofort helfen
- Bestimme Zimmerordnungs-Chefs. Einer für Schuhe, einer für Rucksäcke, einer für Schränke. Ziel ist nicht, dass die Rekruten es falsch machen und du sie erwischst, sondern dass es schnell gut ist, damit Zeit für Sinnvolleres bleibt.
- Verteile Ämtli. Wetterchef, Schuhchef, Zwipf-Chef, Chef Material. Jeder trägt einen Teil, jeder ist verantwortlich, jeder gehört dazu.
- Toilette und Zwipf vor dem Antreten. Wer den Zug antreten lässt und dann fünf Minuten wartet, weil drei noch aufs WC müssen, hat es falsch herum gemacht.
- Kontrolliere, was du delegiert hast. Delegieren ohne Kontrolle ist Hoffen. Kurz nachschauen, kurz zurückmelden, fertig.
- Zeitplan mit Puffer. Jede Ausbildung dauert länger als geplant. Wer 20 Prozent Reserve einplant, hält den Tagesbefehl ein.
- Sei dankbar. Für die Erfahrung, das Material, die Verantwortung, die Leute, die dir anvertraut sind. Es ist die beste Führungsschule, die du in deinem Alter bekommen kannst, und sie ist gratis.
Die Werkzeuge dazu, Lektionsplaner, Eisenhower-Matrix für die Prioritäten und die Ausbildungsplanung, sind im Kader-Bereich des Armeekompass. Und für die Rekruten, die du führst: 45 RS-Tipps, die du weitergeben kannst.
Häufige Fragen
Was ist die wichtigste Aufgabe als Wachtmeister in der RS?
Die Rekruten so gut wie möglich auf den Ernstfall vorzubereiten. Nicht, sie sportlicher zu machen, nicht, sie zu demütigen. Alles andere, von Zimmerordnung bis Sport, ist Mittel, nicht Zweck.
Sollte man als Kader streng sein?
Klar und konsequent, ja. Angst erzeugen, nein. Rekruten sollen Fragen stellen können und den Kader als Person respektieren. Wer nur über Angst führt, bekommt einen Zug, der jede Gelegenheit sucht, es zurückzugeben.
Ist Sport als Bestrafung sinnvoll?
Nein. Sport macht fit für den Ernstfall, und wer ihn als Strafe einsetzt, bringt den Rekruten bei, ihn zu hassen. Belohnung funktioniert besser als Bestrafung, und wenn Sport als Konsequenz eingesetzt wird, macht das Kader mit.
Wie motiviert man einen Zug in der RS?
Das Warum erklären, Konsequenzen positiv und negativ aufzeigen, Entscheidungen einbinden, Stärken der Einzelnen nutzen, Kameradschaft fördern und das Ziel setzen, der beste Zug zu sein. Lob und Komplimente kosten nichts und wirken.
Was tun, wenn man als Kader selbst überfordert ist?
Mit einem Kader-Kameraden oder dem PPD reden, schlafen, essen, das Handy weglegen. Es ist normal, im ersten Dienst als Wachtmeister oder Leutnant an Grenzen zu kommen. Wichtig ist, dass das Kader geschlossen auftritt und Probleme intern löst, nicht vor dem Zug.
Leandro Ferrari
Ausgehoben als Grenadier, Einheitssanitäter in Airolo, Wachtmeister und Leutnant ganz abverdient, heute in der Kommunikationsausbildung. Armeekompass ist sein Projekt.
Der ganze WegBereit für deinen Dienst?
Finde mit dem kostenlosen Funktionsfinder heraus, welche der 125 Armeefunktionen zu dir passt — ohne Kreditkarte.
